Die schwarzgrüne Landesregierung will mit einer Flut von neuen Allianzen, Beratungsangeboten und der Berufung eines Landestechnologiebeauftragten die Digitalisierung in Baden-Württemberg vorantreiben. Die Opposition ist noch skeptisch.

Baden-Württemberg gehört zu den innovativsten Regionen Europas: 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts fließen in Forschung und Entwicklung. Und es sieht nicht so aus, als ob das Land den digitalen Wandel verschlafen hätte, im Gegenteil. Zahlreiche Initiativen, Verbände und Kompetenzzentren haben sich Innovation und Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben. Unter diesen sind zum Beispiel Baden-Württemberg: connected oder die erst im März 2015 gegründete Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg, ein Zusammenschluss von Unternehmen der Produktionstechnik, Informations- und Kommunikationstechnologie, der Baden-Württemberg zu einer „weltweiten Vorreiterregion“ der Digitalisierung machen will. Ein baden-württembergisches Silicon Valley ist auch die Vision des Digitalen Innovationszentrums, einer gemeinsamen Initiative von Wirtschaft, Wissenschaft (Forschungszentrum Informatik) und Politik, das über tausend Unternehmer und 23 000 Arbeitsplätze repräsentiert und vor allem kleinen und mittleren Unternehmen bei der Digitalisierung helfen will. Das DIZ will die „Digital Awareness“ fördern, Bürger für den digitalen Wandel sensibilisieren, Unternehmen und Politik beraten, neue Trends aufspüren und in Handlungsanweisungen umsetzen.

Beratung oder Aktionismus?

Die Landesregierung sieht weiter Handlungsbedarf, und so gibt es seit kurzem ein weiteres Angebot aus dem Wirtschaftsministerium: Zertifizierte Erstberater sollen mittelständischen Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern bei der Digitalen Transformation mit Rat und Tat zur Seite stehen, also erfolgversprechende Industrie- 4.0-Projekte aufspüren, begleiten, fördern und vernetzen. Bis zu 50 Prozent der Beratungskosten werden übernommen; das Projekt startet im ersten Quartal 2017 und ist auf zunächst zwei Jahre befristet. Nicht so üppig sind allerdings die vom Land bereit gestellten Mittel: 605 000 Euro.

Ebenfalls Anfang 2017 soll ein Super-Berater seine erste Roadmap zur Digitalisierung im Land vorlegen: Professor Wilhelm Bauer, 59, der neue baden-württembergische Technologiebeauftragte. Bauer warnte bei seiner Berufung durch Ministerpräsident Wilfried Kretschmann und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut: „Wir sind immer noch gut, aber wir müssen Vollgas geben, um da auch vorne zu bleiben oder wieder vorne hinzukommen“. Porsche, Daimler und auch die Landesregierung hätten den Ernst der Lage erkannt, aber vor allem der Mittelstand, das Rückgrat der baden-württembergischen Wirtschaft, hätte noch großen Nachholbedarf. Die Transformation zur Industrie 4.0 könne nur gelingen, wenn Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über Disziplinen, Branchen und Ressorts hinweg zusammenarbeiteten. In dieser Vernetzung sieht der Technologiebeauftragte seine Hauptaufgabe.

Bauer, 2012 als „Übermorgenmacher“ ausgezeichnet und seit Herbst 2016 auch Leiter des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO), hat in der Vergangenheit immer wieder gewarnt, Baden-Württemberg könne bei der Digitalisierung den Anschluss verlieren. Jetzt kann und muss er sich in seiner neuen Funktion um Zukunftsthemen wie Digitale Transformation, Künstliche Intelligenz und Elektromobilität kümmern: Ministerpräsident Kretschmann erwartet von ihm eine Stärkung der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit des baden-württembergischen Mittelstands.

Kompetenzwirrwarr und leere Versprechen

Allzu viel digitale Vernetzung und politischen Schwung darf man sich von der Flut an neuen Beratern und Beauftragten allerdings nicht erwarten. Der Landestechnologiebeauftragte etwa übt seine Funktion ehrenamtlich aus und hat gerade mal zwei Mitarbeiter. Kein Wunder, dass die FDP-Opposition im Landtag von einem Schaufensterprojekt spricht, mit dem die Regierung Fehler und Versäumnisse kaschieren wolle. Nachdem bei den Koalitionsverhandlungen das Ressort Digitalisierung aus eher politischen als sachlichen Gründen vom Wirtschafts- ins Innenministerium verschoben worden war, legt die schwarz-grüne Regierung in Stuttgart nun einen fast hektischen Aktionismus bei ihrer Digitalen Agenda 2020+ an den Tag. Kaum ein Monat vergeht, in dem mit viel Getöse „virtuelle Kompetenzzentren“ und nachhaltig vernetzte Exzellenzcluster ins Leben gerufen werden, die mangels Etat und konkreter Aufgaben dann oft leere Hülsen bleiben. Im Koalitionsvertrag wird unter der Rubrik „Gründerland“ vollmundig erklärt, man wolle Baden-Württemberg zum „Magneten für kreative Menschen“ und „dynamischsten Gründerland in Europa“ machen. In der Praxis freilich regiert oft die geizige schwäbische Hausfrau: Der Innovationsfonds für Start-up-Unternehmen etwa fiel mit fünf Millionen Euro deutlich magerer als geplant aus. Hinter den Kulissen sollen die Koalitionspartner an einem großzügiger ausgestatteten Wagniskapitalfonds mit dem Arbeitstitel „Cleverle“ basteln.

„Wirtschaft 4.0 bedeutet nicht nur die Nutzung digitaler Technologien in bestehenden Geschäftsmodellen. Die Herausforderung ist vielmehr, mittels des immens großen Datenschatzes in der Industrie und in unseren Dienstleistungsbranchen in neuen, teilweise disruptiven Geschäftsmodellen, Plattformstrategien und Systemlösungen zu denken und diese auch mutig und dynamisch umzusetzen. Hier müssen wir mit innovativen Formaten entlang der jeweiligen Wertschöpfungsketten ansetzen, um weiterhin mit unseren Produkten, Dienstleistungen und Lösungen nah am Kunden zu sein“. (Wilhelm Bauer, Technologiebeauftragter Baden-Württemberg)

Auch wenn vieles nur leeres Versprechen und cleveres Polit-Marketing ist: Immerhin tut die schwarzgrüne Landesregierung etwas für den Digitalen Wandel. Das ist allerdings auch nötig in einem Land, das bisher zwar noch ganz gut von seinem High-Tech-Vorsprung in Automobil- und Maschinenbau lebt, aber jetzt den Anschluss zu verlieren droht. Ähnlich wie führende IT-Manager im Vorfeld des Nationalen IT-Gipfels in Saarbrücken, fordert daher auch Bauer jetzt einen Digitalisierungsruck für Baden-Württemberg: „Berufe sind dann gefährdet, wenn sie keinen Beitrag für die digitale Welt leisten. Nur physische Produkte zu produzieren, reicht nicht mehr. Software spielt für den Autobau eine immer größere Rolle(…). Ich würde der deutschen Wirtschaft nie empfehlen, sich nur noch auf Software zu konzentrieren. Das Geschäft der Zukunft liegt in der Verbindung der physischen mit der digitalen Welt.“

Damit das Ländle zum Silicon Valley wird, bedarf es jedenfalls mehr als Willenserklärungen, Technologiebeauftragte und ein paar digitale Erstberater.