Das alte Kinderbuchidyll vom Bauer, der im Märzen sein Rösslein anspannt, stimmt schon lange nicht mehr. Die moderne intensive Landwirtschaft trägt eindeutig industrielle Züge, und deshalb hält zunehmend auch die Industrie 4.0, das Internet der Dinge, in den Ställen und auf den Äckern Einzug. 




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Sensoren statt grüner Daumen, Algorithmen statt Bauernregeln

Smart Farming, Präzisionslandwirtschaft, Landwirtschaft 4.0 oder wie man das Phänomen auch nennen mag, bedeutet: High-Tech-Landmaschinen beginnen autonom miteinander zu kommunizieren, große Datenmengen werden in Echtzeit analysiert, in Kontroll-, Überwachungs- und Steuerungsprozesse eingespeist und permanent optimiert. Wetter- und Klimabeobachtung, die Terminierung und Ausführung von Säen, Düngen und Ernten: Auch in der Landwirtschaft werden immer mehr Arbeitsplätze digitalisiert. Wo einmal der grüne Daumen, natürliche Instinkte und uralte Bauernregeln herrschten, arbeiten heute immer öfter Satelliten und Sensoren, Software-Algorithmen und Roboter.

Der Bosch-Agrarroboter mit Autopilot und satellitengestützten Analysefunktionen etwa soll  2018 serienreif sein. Schon heute sind IT-Traktoren im Einsatz, die Daten über Stickstoffgehalt und Qualität des Bodens sammeln und in Echtzeit die auszubringende Menge an Saatgut, Dünger oder Pflanzenschutzmitteln berechnen. Die Gülle stinkt immer noch, aber nur noch genau dann und dort, wo sie gebraucht wird. Das spart Zeit und Geld, schont Ressourcen und die Geruchsnerven städtischer Spaziergänger.

Melkroboter, Drohnen und Thermosensoren

Schweine, Schafe und Kühe sind Lebewesen, keine autonomen Systeme, aber auch sie können sich der Digitalisierung der Landwirtschaft nicht entziehen. Melkroboter zapfen ihnen die Milch ab. Drohnen überwachen in unwegsamem Gelände Viehherden aus der Luft, wie früher die Hirten zu Fuß oder die Cowboys zu Pferd. Kameras liefern Bilder von der Sau in der Abferkelbucht, Thermosensoren melden dem Bauer per SMS, wenn die Kuh besamungsbereit ist oder zu kalben beginnt. Es gibt bereits Versuche, Fütterungs- und Reinigungsprozesse im Stall durch optisch-akustische Signale oder Aktivitäten der Tiere zu steuern: Muht die Kuh, grunzt das Schwein, öffnet sich vielleicht die Futterklappe. Smart Farming steigert nicht nur die Erträge, sondern manchmal sogar Tierwohl und Produktqualität.

Auch auf Wiesen und Feldern wächst und gedeiht die Digitalisierung der Landwirtschaft. Noch vor Googles und Teslas selbstfahrenden Autos kamen führerlose Traktoren und Mähdrescher auf den Markt. Der High-Tech-Anteil am Wert moderner Landmaschinen liegt heute bei dreißig Prozent, dreimal so viel wie in der Automobilindustrie. Der Umsatz von Digital Farming wächst nach einer Studie von Roland Berger jährlich um 12 Prozent.

Kein Wunder, dass da auch die großen Chemie- und Nahrungsmittelkonzerne mitmischen wollen. Selbst Bertelsmann und Google tummeln sich auf dem lukrativen Markt. Bayer hat durch die Übernahme von PC Agrar und zuletzt den spektakulären Kauf von Monsanto für 60 Milliarden Euro gezeigt, dass der Konzern „technologisch immer einen Schritt voraus sein“ will, wie es Vorstandsmitglied Liam Condon formuliert. Traditionsreiche Treckerhersteller wie John Deree und Claas sind heute High-Tech-Schmieden mit großen IT-Entwicklungsabteilungen und smarten Töchtern wie „385farmnet“.

 

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Landwirt mit Laptop

 

Auch der Deutsche Bauernverband hat die Zeichen der Zeit erkannt und nennt Digital Farming einen „chancenträchtigen Megatrend mit großem Anwendungspotenzial“. Schon heute setzt jeder fünfte landwirtschaftliche Betrieb, bei Betrieben über 100 Hektar sogar jeder dritte, auf Digitalisierung. Wer nicht bereit oder fähig ist, sich zum smarten Landwirt weiterzubilden, wird es in Zukunft schwer haben. Martin Richenhagen, Dressur-Olympiasieger 2008 und heute Agrarmanager bei Claas, sagt: „Früher hieß es wachsen oder weichen. Heute: Digitalisieren oder weichen“.

Mehr Ertrag, weniger Kosten und Ressourcenverbrauch

Die Vorteile der Landwirtschaft 4.0 liegen auf der Hand. Aber man darf auch ihre Risiken nicht unterschlagen: Manche Probleme von Qualitätssicherung, Rechtssicherheit und vor allem Datenschutz sind noch ungelöst. Hans Werner Griepentrog, Argrartechnikexperte an der Uni Hohenheim, warnt eindringlich vor einer Abhängigkeit der Landwirte von großen Konzernen. Was Amazon und Google für private Konsumenten, könnten Bayer und BASF für die Bauern werden. In einer Branche, in der es traditionell jede Menge sensibler Daten und eifersüchtig gehütete Produktionsgeheimnisse gibt, ist der „gläserne Landwirt“ eine Horrorvorstellung.

Auf die Vorteile und Chancen von Smart Farming macht jetzt auch eine Studie aufmerksam, die das Managementberatungsunternehmens T.S.Kearney im Oktober 2016 vorstellte. „Agriculture is Fertile Ground for Digitization„. Die Autoren bezweifeln, ob die derzeit zu beobachtenden Krisensymptome in der Agrarindustrie – rückläufige Nachfrage etwa bei Biotreibstoffen und Fleisch, sinkende Rohstoffpreise, regulatorische Eingriffe von staatlicher Seite, wachsende Skepsis von Konsumenten gegenüber Gentechnik, Massentierhaltung oder Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat – noch mit traditionellen Mitteln wie Kostensenkungen, Fusionen und Übernahmen in den Griff zu bekommen seien. Mittelfristig vielversprechender und zweckmäßiger sei Smart Farming: „Agrarindustrie 4.0 bietet nicht nur Wachstumschancen für die Industrie, sondern auch die Möglichkeit, Ernteerträge zu steigern“. Weltweit müssen immer mehr Menschen auf immer weniger Agrarfläche versorgt werden: 1950 ernährte ein Landwirt in Deutschland zehn Menschen, 1980 fünfzig, heute sind es bereits 145. Eine Ausweitung der Digitalisierung auf den gesamten Pflanzenzyklus von der Aussaat bis zur Ernte könnte laut Kearney-Studie den Ernteertrag im kommenden Jahrzehnt um 20 bis 30 Prozent steigern und so Nahrung für zusätzlich eine Milliarde Menschen liefern.

Landwirtschaft 4.0 ist angekommen – und jetzt?

Es kommt jetzt darauf an, die bestehenden Technologien zu bündeln und ganzheitliche Lösungen für eine intelligente Landwirtschaft zu entwickeln und zu vermarkten. Bisher sind es fast ausschließlich kleine, wendige Startup-Unternehmen und große Player, die die Digitalisierung der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette vorantreiben. „Bei der Digitalisierung kommt es auf Schnelligkeit und Größe an“, fasst Dr. Carsten Gerhardt das Resultat der Kearney-Studie zusammen. „Wer hier den ersten Schritt macht, bestellt das Feld und wird die Ernte einfahren.“

Smart Farming wird viele bisherigen Geschäftsmodelle in der Landwirtschaft radikal in Frage stellen. Aber im Gegensatz zu Videotheken, Zeitungsverlagen oder Taxiunternehmen müssen Bauern nicht um ihre Existenz fürchten. Manche werden umlernen müssen, andere die Flinte ins Korn werfen. Aber Hühnchen und Bio-Eier werden nie aus dem 3-D-Drucker schlüpfen, und Kartoffeln und Karotten lassen sich auf absehbare Zeit nicht im Internet ernten.

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