Immer mehr Beschäftigte in Deutschland müssen heute zwischen Wohnung und Arbeitsplatz pendeln. Die Folgen: Mehr Verkehr, lange Staus, zersiedelte Landschaften, zerstörte Beziehungen. Denn Pendeln schadet nicht nur der Umwelt. Es setzt auch der körperlichen und psychischen Gesundheit der Arbeitnehmer zu. Dabei gibt es längst eine Alternative zum Pendler-Wahnsinn: Home-Office.

Pendel-Diplomatie

Die Zahlen, die das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumordnung kürzlich in einer neuen Studie vorstellte, sind alarmierend: Die Pendlerzahlen steigen in allen Ballungsräumen dramatisch an, am meisten in Berlin, aber auch in Pendlermetropolen wie Frankfurt, München und Stuttgart und selbst in Mittelstädten wie Freiburg oder Fulda. Pendelten im Jahr 2000 noch 53 Prozent aller Beschäftigten, so sind es heute schon 60 Prozent. Die durchschnittliche Streckenlänge stieg von 14,6 auf 16,8 Kilometer, und auch der Zeitaufwand wächst kontinuierlich. So stieg etwa die Zahl der pendelnden Berufsnomaden, die länger als eine Stunde für Hin- und Rückweg brauchen, um ein gutes Drittel, die Zahl der Wochenendpendler hat sich sogar verdreifacht.

Die Gründe für die Entwicklung liegen auf der Hand. Arbeiten und Wohnen, einst eng miteinander verbunden, sind im 20. Jahrhundert immer weiter auseinander gerückt. Wo es preiswerten Wohnraum gibt, gibt es in der Regel keine Arbeit, und wo Arbeitsplätze entstehen, ist selten Platz für Familien. In den Sechziger und Siebziger Jahren, als Stadtplaner und Architekten von der räumlichen und „funktionellen Entflechtung“ von Wohnen und Arbeiten, Einkaufen und Kultur schwärmten, wurden überall Wohnsilos und Schlafstädte auf die grüne Wiese geklotzt. Das rächt sich heute. Umweltpolitiker und Mediziner plädieren dafür, den Verkehr mitsamt seinem Flächen- und Landschaftsverbrauch reduzieren, die verwaisten, „autogerechten“ Innenstädte wieder mit urbanem Leben und Wohnquartieren zu füllen. Aber Wohnen in den Städten ist fast unerschwinglich geworden, und deshalb gehören tägliche Staus, Feinstaubalarm und bald vielleicht auch Fahrverbote zum Pendleralltag.

 

Home-Office statt Stau

 

Die hohen Pendlerzahlen sind auch Resultate struktureller Veränderungen in Arbeitswelt und Gesellschaft. In vielen Familien gehen heute beide Elternteile arbeiten, Fern- und Wochenendbeziehungen sind nichts Ungewöhnliches mehr. Einstmals feste Arbeitsplätze werden nur noch befristet oder als Teilzeitjobs vergeben, Kitaplätze und bezahlbare Wohnungen sind rar, soziale Beziehungen gerade für Kinder wichtig. Unter diesen Umständen überlegt man sich zweimal, ob ein Umzug aus beruflichen Gründen wirklich sinnvoll und notwendig ist.

Ausgleichs- und Hilfsmaßnahmen für die geplagten Pendler wirken eher kontraproduktiv. Je besser die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut wird, desto mehr Autos sind auf den Straßen unterwegs. Folge: Noch mehr Staus und Stress. Umweltministerin Hendricks hat gerade ein 25-Millionen-Euro-Programm zur Förderung des umweltfreundlichen Pendelns mit Fahrradschnellwegen, Carsharing und Jobticket-Projekten angekündigt, aber das sind Tropfen auf den heißen Stein. Auch die Steuerpolitik setzt falsche Anreize: Die Pendlerpauschale ermutigt nicht eben zum Umsteigen auf umweltfreundliche Verkehrsmittel.

Alternative zum Stau: Home-Office

Es gibt längst eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternative zum Pendeln: Home-Office. Wer zuhause arbeitet, spart sich Zeit und Kosten, Risiken und Stress des Berufsverkehrs. Seine Firma muss weniger Büros, Schreibtische, Dienstwagen und Parkplätze vorhalten, und der Umwelt hilft es auch, wenn es weniger Feinstaub und CO2-Emissionen gibt. Mediziner, Psychologen und Krankenkassen sind sich einig: Pendler leiden häufiger als andere Arbeitnehmer unter Schlafstörungen, Rücken- und Kopfschmerzen, Stress und Burnouts. Bei unseren Nachbarn in der Schweiz oder Frankreich ist Home-Office daher längst Alltag, in Holland gibt es sogar seit 2016 einen Rechtsanspruch darauf.

Dank moderner Digital Workplace Software spricht nichts gegen die Arbeit im Home-Office. Alle benötigten Informationen sind damit an jedem gewünschten Ort verfügbar. Und auch die Zusammenarbeit mit Kollegen klappt von überall.

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Bei uns dagegen wird digitale Heimarbeit trotz ihrer unbestrittenen Vorteile noch lange nicht so oft nachgefragt und genutzt wie es technisch machbar und umweltpolitisch wünschenswert wäre. Dabei bietet sie so viele Vorteile, sowohl für Arbeitnehmer, als auch für Arbeitgeber. Umfragen zufolge würden 31 Prozent aller Arbeitnehmer gern von zuhause aus arbeiten (64 Prozent davon, um sich das lästige Pendeln zu ersparen), aber obwohl bei über 40 Prozent der Arbeitsplätze die technischen und organisatorischen Voraussetzungen gegeben wären, arbeiten nur 12 Prozent aller Beschäftigten überwiegend zu Hause. Mit sinkender Tendenz übrigens: Zwischen 2008 und 2014 sank die Zahl der Heimarbeitsplätze laut einer DIW-Studie („Home-Office verliert an Bedeutung“) um 800 000, und zwar in allen Alters- und Qualifikationsgruppen, bei Männern wie  Frauen, Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten. Wunsch und Wirklichkeit klaffen offensichtlich immer noch weit auseinander, vor allem bei Banken, Versicherungen und im öffentlichen Dienst. Selbst in der IT-Branche scheint die Home-Office-Euphorie verflogen. Marissa Mayer verordnete 2013 Yahoo eine Rückkehr zur Präsenzpflicht; kürzlich rief sogar der Home-Office-Pionier IBM 2600 Mitarbeiter der Marketingabteilung in die Büros zurück.

Pendeln zum Runterkommen?

Wie das Home-Office Produktivität und Kreativität beeinflusst, ist umstritten. Manche Studien feiern es als Motivationswunder, andere als Totengräber des Team Spirit. Es hängt wohl von der Art der Arbeit und den Prioritäten der Arbeitenden ab. Keine Frage, oft reicht Skypen, Mailen und Datenaustauschen aus der Ferne nicht. Beim Kochen und Kellnern, Pflegen oder auch Dachdecken geht es nun mal nicht ohne altmodische physische Präsenz und Face-to-Face-Kommunikation. Und was für kinderlose digitale Nomaden ein Traum ist, kann für den Familienvater, der Home-Office, Hausarbeit und quengelnde Kinder unter einen Hut bringen soll, ein Alptraum sein. Der eine braucht eine geregelte Arbeitszeit mit Feierabend und Wochenende, der andere definiert seine Work-Life-Balance nicht mit der Stechuhr.

 

Pendler im Zug

Ähnliches gilt übrigens auch für Berufspendler. Lange Auto- und U-Bahn-Fahrten sind für die meisten vermutlich lästige Pflicht und Stress. Aber es gibt auch jene anderen, für die das Pendeln eine Art meditativer Übung ist, um nach einem langen Arbeitstag wieder herunterzukommen und abzuschalten.  Pendler haben statistisch weniger Zeit für Familie, Beziehungen und Hobbys. Allerdings warnt der Soziologe Michael Jäckel auch vor „völlig neuen Spannungsfeldern“, etwa wenn Papa die Tür zu seinem Home-Office-Büro hinter sich zumacht und Mama allein mit Haushalt und Kindern lässt. Pendler nehmen überfüllte Züge und verstopfte Straßen in Kauf, aber sie haben wenigstens eine Ausrede, wenn der Chef sie zu Überstunden oder Arbeitskollegen auf ein Bier einladen wollen. Home-Office ist gut für Umwelt und Gesundheit, Motivation und Selbstbestimmung, aber nicht alle Unternehmen und Mitarbeiter sind schon reif dafür.