Industrie 4.0 ist in vielen deutschen Unternehmen bereits im Einsatz. Doch genauso viele Betriebe stehen dem Thema immer noch sehr skeptisch gegenüber. Nach wie vor halten sich einige Mythen zur „vierten industriellen Revolution“ sehr hartnäckig. Dabei zeigt ein genauer Blick: Sie haben wenig mit der Realität zu tun und Unternehmen vergeuden so viel Potenzial und wertvolle Zeit. Wir haben uns die gängigsten sechs Mythen angeschaut.

Ersatzteile aus dem 3D-Drucker, Kundendienst per virtueller Realität, Maschinen per Smartphone am Flughafen in Shanghai steuern, Mitarbeiter im Homeoffice mit vollem Zugriff auf Maschinendaten – all das sind Beispiele für Industrie 4.0, oft auch ‚Internet of Things‘ (IoT) oder ‚Internet der Dinge‘ genannt. IoT klang lange wie ein fernes Zukunftsszenario, doch die Digitalisierung ist längst Realität. Das gilt nicht nur für große Konzerne. Auch kleine und mittelständische Unternehmen setzen verstärkt auf digitale Prozesse, um Kosten zu senken, ihre Produktivität zu erhöhen, neue Geschäftsfelder zu erschließen und Mitarbeiter zu entlasten. Einer aktuellen Umfrage des Branchenverbands Bitkom zufolge setzt bereits jeder zweite Betrieb Anwendungen der Industrie 4.0 ein. Doch während Betriebe der Technik an sich durchaus offen gegenüberstehen, zweifeln noch viele Unternehmen an den langfristigen Effekten der Automatisierung.




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In Deutschland glauben nach einer Umfrage von Randstad Sourceright lediglich 33 Prozent der Entscheidungsträger , dass Digitalisierung und künstliche Intelligenz positive Auswirkungen auf das Unternehmen haben werden. Als Vergleich: In den USA sehen 64 Prozent der Manager digitale Prozesse positiv und in China sind es sogar 82 Prozent. Woher kommt diese Skepsis in Deutschland? Warum werden die Herausforderungen der Industrie 4.0 so zögerlich angegangen? Nach einer Untersuchung des US-Marktforschugnsinstituts Gartner liegt dies vor allem an einigen Mythen zur Industrie 4.0, die sich nach wie vor hartnäckig halten. Doch ein genauer Blick zeigt: Diese Mythen haben wenig mit der Realität zu tun.

Mythos 1: Industrie 4.0 betrifft nur die Produktionsbranche

Wer Industrie 4.0 hört, denkt meist an Industrieroboter, 3D-Drucker oder digitale Zwillinge . Das ist zwar nicht falsch, doch damit reduziert man den Begriff aber stark auf ein Gebiet: die produzierende Branche. Dies hat wiederum zur Folge, dass viele Unternehmen – auch außerhalb der klassischen Produktionsindustrie – das Potenzial des IoT nicht wahrnehmen oder nicht voll ausnutzen. Dabei können die Technologien dahinter, von ‚Big Data‘ über Cloud-Technologien bis hin zur künstlichen Intelligenz, sehr viel mehr als Industrieroboter antreiben. Klassische Reisebüros nutzen beispielsweise ‚Big Data‘, um ihren Kunden passgenaue Reiseangebote in den Briefkasten zu schicken. Retailer setzen smarte Umkleidekabinen ein, in denen Kunden prüfen können, ob ein Kleidungsstück in einer bestimmten Farbe oder Größe im Laden vorhanden ist – und es gegebenenfalls nach Hause bestellen lassen können. Unternehmen aller Branchen wiederum setzen auf die Cloud, um Arbeitsprozesse orts- und geräteunabhängig und damit flexibler und effizienter zu gestalten. Je besser Unternehmen erkennen, wie sie die neuen Technologien für sich nutzbar machen können, desto mehr werden sie davon profitieren. Dies zeigt auch, warum ein weiterer Mythos nicht wirklich haltbar ist: Industrie 4.0 ist zu teuer.

Mythos 2: Industrie 4.0 ist zu teuer

Diese Idee beruht oft darauf, dass Unternehmen glauben, sie müssten parallel in sämtliche neue Technologien investieren, um mit dem digitalen Wandel mithalten zu können. Das Gegenteil ist der Fall. Die Gartner-Studie zeigt beispielsweise, dass diejenigen Unternehmen besonders erfolgreich sind, die gezielt in eine Technologie investieren und diese dann sukzessive ausbauen. Oftmals entwickeln nämlich genau diese Unternehmen durch den Fokus schlankere Prozesse oder entdecken neue Geschäftsfelder. Hinzu kommt, dass internetbasierte Leistungen derzeit so günstig sind wie nie. Gleichzeitig bringen sie Unternehmen sehr viele Vorteile, sodass sich die Investition oft schon nach kurzer Zeit auch finanziell rechnet. Ein gutes Beispiel dafür sind cloudbasierte Kollaborations-Tools . Für eine vergleichsweise geringe Investition machen sie die Kommunikation im Unternehmen – auch über Abteilungen und verschiedene Standorte hinweg – müheloser und stringenter. Das spart Zeit, macht das Arbeiten produktiver, entlastet Mitarbeiter und sorgt außerdem dafür, dass Informationen geteilt anstatt gehortet werden. Das Ergebnis: Unternehmen, die solche Kollaborations-Tools nutzen können ihre Produktivität verbessern, werden durch flexiblere Arbeitsmodelle als Arbeitgeber attraktiver und verzeichnen glücklichere und motiviertere Mitarbeiter.

Infografik - Smart Factory - Industrie 4.0

Mythos 3: Maschinen ersetzen Menschen

Ein weiterer Mythos zur Industrie 4.0 ist die Angst davor, dass dadurch Arbeitsplätze wegfallen. Die Sorge scheint nachvollziehbar: “Was passiert mit meinem Job, wenn ein Algorithmus ihn besser, schneller und günstiger machen kann?” Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass Industrie 4.0 nicht für weniger, sondern für mehr Arbeitsstellen sorgt. Gegenüber Bitkom sagten beispielsweise 74 Prozent der befragten Unternehmen aus, dass Industrie 4.0 neue Arbeitsplätze geschaffen habe. Tatsache ist: Maschinen ersetzen keine Menschen, vielmehr arbeiten sie Hand in Hand und genau dadurch entstehen neue Arbeitsfelder.

Darüber hinaus werden mit Industrie 4.0 bestehende Produkte „digital aufgeladen“. Hierdurch ergeben sich ganz neue Geschäftsmodelle und damit neue Arbeitsplätze. Ein Sportartikelhersteller verbessert seine Sportschuhe mit Sensoren, die dem Träger zum einen Daten über seine sportlichen Aktivitäten bereitstellen und es zum anderen dem Hersteller erlauben z. B. seine Sportschuhe zu verbessern, Fitness-Tracker anzubieten, Sport-Nahrung besser auf die Zielgruppe abzustimmen oder über die Auswertung der Daten ganze Ernährungs- und Diätprogramme als weitere Dienstleistung anzubieten. Gleichzeitig kann durch die Digitalisierung der Produktion direkt in die Abläufe eingegriffen werden. So können z. B. Sportartikel individuell für den Kunden erstellt, drohende Leerbestände sofort identifiziert oder Maschinenausfälle respektive Wartungen exakt geplant werden. Die Änderungen sind also vielfältig und betreffen viele Ebenen und Unternehmensbereiche.

Mythos 4: IoT hat keine Seele

Eng damit zusammen hängt auch die Vorstellung, dass es bei IoT keine ethischen Standards gibt. Maschinen haben schließlich keinen moralischen Kompass, dem sie folgen können. Was stimmt: Auch digitale Prozesse brauchen Regeln, Gesetze und ethische Leitlinien. Dazu gehören Fragen wie:

  • Wie können persönliche Daten sicher geschützt werden?
  • Wie bringen wir einer KI bei, ethisch zu handeln?
  • Wie können Rechte, wie etwa beim Urheberrecht, auch bei digitalen Prozessen garantiert werden?

Die gute Nachricht ist, dass es in vielen Bereichen schon hohe Sicherheitsstandards gibt. In Deutschland gibt es darüber hinaus auch Organisationen, die ethische Standards für IoT entwickeln und auch gemeinsam mit Unternehmen umsetzen, wie etwa dem Verband der Internetwirtschaft e.V, eco .

 

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Mythos 5: Industrie 4.0 muss immer der große Wurf sein

Industrie 4.0 wird gerne als „alles verändernder Einschnitt“ oder neudeutsch als „Game-Changer“ gesehen. Es entsteht der Eindruck, als würde Industrie 4.0 kein Stein mehr auf dem anderen lassen und das Unternehmen bis zur Unkenntlichkeit verändern. Die schiere Größe des Themas wirkt abschreckend. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Wie jede Reise bekanntlich mit dem ersten Schritt beginnt, so startet auch Industrie 4.0 in vielen Unternehmen mit kleinen Projekten und Veränderungen. Dabei stellt sich der Erfolg in kleinen und gut umsetzbaren Schritten ein. Höhere Produktivität, bessere Qualität, schnellere Markteinführung von Produkten, Prozessoptimierungen, Kostensenkungen oder eine verbesserte Entscheidungsfindung – das sind die Haupttreiber hinter der Einführung einer ‚Smart Factory‘. Wichtig ist jedoch, dass sowohl die eingesetzte Software als auch die unternehmerische Vision sich nicht im Kleinteiligen verliert und Silos bzw. Insellösungen erschafft. Ziel muss es sein, die ‚Smart Factory‘ von Beginn an skalierbar zu gestalten. Dies betrifft sowohl die Anbindung weiterer Maschinen und Abteilungen, sowie die Einbindung komplett neuer Geschäftsmodelle in der Zukunft.

Mythos 6: Sicherheit in der Cloud oder was ist mit Industriespionage?

Wird Industrie 4.0 zu „Industriespionage 4.0“? Man muss sich – und so ehrlich muss man sein – bei jeder IT- und Software-Lösung der Tatsache stellen, dass kein IT-System der Welt hundertprozentig sicher ist. Es ist jedoch ein Unterschied, ob man Industrie 4.0 pauschal als Einfalls- und Spionagetor sieht oder sich der Thematik auf realistische, unaufgeregte und moderne Weise nähert.
Warum sollten Daten von einem Fließband-Sensor auf ihrem Weg zum Zentralrechner innerhalb des gleichen Unternehmens den Weg über eine ausländische Cloud nehmen? Zum einem könnte man an dieser Stelle sagen, dass es in Zeiten der DSGVO und sehr scharfen Gesetzen in anderen Ländern immer eine bessere Idee ist, auf einen deutschen oder europäischen Cloud-Anbieter zu vertrauen. Trotz des Vorsprungs vor allem der US-amerikanischen Anbieter gibt es zunehmend auch professionelle deutsche Anbieter.
ABER: Die Frage nach der (gedachten) Entfernung zwischen Sensor und Zentralcomputer als gerade Linie ist eine Denkart aus der analogen Zeit, als noch physische Datenkabel gezogen werden mussten. Hier war der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten die gerade Linie. Diese „gerade Linie“ lässt extrem viele Punkte außer Acht und beraubt damit Industrie 4.0 vieler Potentiale.

a.) Datenverschlüsselung in der Cloud: Bereits heute gibt es hoch moderne Verschlüsselungen, die es erlauben, Industriedaten sogar besser als militärische Daten zu verschlüsseln. Niemand hat beim Thema „Cloud-Computing“ je behauptet, dass industriell genutzte Daten unverschlüsselt um die halbe Welt geschickt werden müssen. Wer dies behauptet, spielt mit der Unsicherheit der Kunden oder sollte sein IT-Fachwissen auf den aktuellen Stand bringen.
b.) Datenverschlüsselung auf dem Zentralrechner: Jedes Computer-System mit Zugang zum Internet (und sei es nur für Systemupdates) ist prinzipiell angreifbar. In deutschen Unternehmen scheint der Mythos weit verbreitet zu sein, dass wenn man einen Server im Keller stehen hat, dieser sicher ist. Nur leider hält eine abgeschlossene Tür zum Serveraum einen Hacker am anderen Ende der Welt kaum ab. Der physische Ort des Servers suggeriert eine Sicherheit, die im digitalen Zeitalter nicht mehr gegeben ist. Heute wird die Sicherheit eines Computer-Systems zum einen durch die Professionalität und Aktualität der verwendeten Software-Systeme inkl. Firewall bestimmt und zum anderen durch das Knowhow der IT-Mitarbeiter. Ein professioneller Cloud-Anbieter beschäftigt die fähigsten Köpfe an einer Stelle und kann darum das Wissen geballt seinen Kunden zur Verfügung stellen. So kann es durchaus sein, dass der Zentralcomputer (Server) eines Unternehmens mit veralteter und damit lückenhafter Software betrieben wird, während Cloud-Systeme nach allen Regeln der Kunst abgesichert und verschlüsselt sind. Hinzu kommt, dass ein guter Cloud-Anbieter redundante – also doppelte – Systeme an unterschiedlichen Orten betreibt, sodass auch Feuer, Hochwasser oder andere physische Bedrohungen die Daten nicht gefährden.,
c.) Die Cloud ist mehr als ein Server an einem anderen Ort: Sicherlich ergeben sich durch die professionelle Wartung des Cloud-Servers viele Vorteile für das Unternehmen. Dennoch ist die Cloud mehr. Eine moderne Cloud-Lösung ermöglicht es, durch das Anbinden von weiteren Systemen, Analysetools, mobilen Geräten, externen Partnern und Zulieferern ein komplett neues Ökosystem zu erschaffen. Das dann nicht nur die eigenen internen Zahlen darstellt und verarbeitet, sondern über Prozessautomatisierung eine Vielzahl von Workflows automatisiert in Gang setzt, genau definierte Daten an externe Partner (z. B. in Form von Bestellungen, Wartungsaufträgen etc.) weiterleitet oder das Steuern kompletter Produktionsstraßen aus dem Homeoffice ermöglicht. Dieses „digitale Aufladen“ von Produkten, Dienstleistungen und Produktionsketten ist das eigentliche Geheimnis von Industrie 4.0.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass Industrie 4.0 und auch die Auslagerung der Industrie 4.0-Daten in die Cloud ein komplexes, aber lösbares Problem ist, welches in einem ersten Schritt eine unaufgeregte und schlichtweg professionelle Herangehensweise benötigt. Nicht mehr und nicht weniger.

Fazit: Angst ist kein guter Geschäftsberater

Ein Blick auf die gängigsten Mythen rund um die Industrie 4.0 zeigt, dass diese oft unbegründet sind und die eigentlichen Zahlen und Fakten eine andere Sprache sprechen. Sicherlich lohnt sich nicht jede Technologie für jedes Unternehmen und die Jahre haben gezeigt, dass es nicht DIE Industrie 4.0-Lösung gibt. Andererseits ist die strikte Ablehnung der Industrie 4.0 allein aus Angst heraus ebenfalls nicht ratsam. Denn dadurch vergeben Unternehmen viele wertvolle Chancen.

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