Prominente IT-Manager nehmen in einem Brandbrief Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in die Pflicht. Im Vorfeld des zehnten Nationalen IT-Gipfels am 16./17. November in Saarbrücken haben sich Topmanager und Wissenschaftler aus der IT-Branche mit einem donnernden Weckruf zu Wort gemeldet: Wenn Deutschland nicht den Anschluss verlieren wolle, müsse jetzt endlich ein „Digitalisierungsruck durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gehen“.

Um im globalen Wettbewerb künftig noch mithalten oder gar Spitzenpositionen einnehmen zu können, seien „massive Investitionen, bewusste Risikobereitschaft und disruptive Veränderungen der Rahmenbedingungen“ nötig.

Verpasste Chancen

Vieles von dem, was jetzt mit großem Getöse in einem „Saarbrücker Manifest“ gefordert wird, wurde schon vor zehn Jahren, beim ersten IT-Gipfel, be- und versprochen. Geschehen ist seither wenig, im Gegenteil: Auf manchen Feldern der digitalen Transformation ist Deutschland sogar noch weiter ins Hintertreffen geraten. Beim E-Government etwa haben längst die wirtschaftlich viel schwächeren baltischen Staaten die Nase vorn. Deutschland, so analysieren die Autoren des Manifests, habe bei der ersten Welle der Digitalisierung viele Chancen verpasst. Umso wichtiger sei es jetzt, bei der zweiten Welle – Stichwort: Industrie 4.0 – vorne mit dabei zu sein. Es dürfe nicht sein, dass Amerika die geistige Leistung, Content und Software liefere, Asien die Hardware produziere und Europa nur noch als Käufer eine Rolle auf dem Markt spiele.

Das achtseitige Saarbrücker Manifest verweist auch auf einige hoffnungsvoll stimmende Wettbewerbsvorteile Deutschlands, etwa die nach wie vor robuste Wirtschaft. Aber in der Hauptsache ist es eine kritische Bestandsaufnahme der Lage. Schonungslos legen die Autoren die Finger auf die Wunde und benennen Schwächen und Versäumnisse von der Bildungspolitik bis hin zur technischen Infrastruktur. Deutschland habe bislang nicht zufällig kein einziges IT-Unternehmen von globaler Bedeutung hervorgebracht und zehre immer noch von den bald schon fünfzig Jahre alten Erfolgen von SAP und Software AG: „Wir sind abhängig und nicht mehr an der Spitze der Entwicklung“.

Wenn jetzt nicht rasch gehandelt werde, sei auch der Vorsprung von zwei bis drei Jahren, den die deutsche Industrie derzeit noch habe, bald abgeschmolzen. Das tangiert dann alle Branchen. Von einer digitalen „Aufholstrategie“ hängt nicht nur die kurzfristige Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen ab, sondern mittel- und langfristig auch der „Erhalt des Wohlstand unseres Landes“. Das Ausruhen auf alten Lorbeeren genügt nicht mehr; nötig sind jetzt neue, innovative Konzepte. „Digitale internationale Plattformunternehmen dringen in bis bisher von Fertigungstechnologie beherrschte Märkte ein und bedrohen die klassischen Marktführer“. Die selbstfahrenden Autos von Google und die E-Autos von Tesla etwa bestreiten schon heute, unabhängig von allen Diesel- und Abgasskandalen, der deutschen Automobilindustrie ihre technologische Führungsrolle.

Für eine neue digitale Agenda

Die Autoren des Saarbrücker Manifests bringen viel Erfahrung und Kompetenz mit. Verfasst wurde es von August-Wilhelm Scheer, vormals Bitkom-Präsident und Gründer der IDS-Scheer-Gruppe, und Wolfgang Wahlster, dem Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Zu den Unterstützern des Appells gehören prominente IT-Manager und Experten wie Ex-SAP-Chef Henning Kagermann, Leiter der Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) und Erfinder des Begriffs Industrie 4.0. Lauter Schwergewichte also, und für sie steht fest: Durch Deutschland muss jetzt ein digitaler Ruck gehen wie damals bei der Agenda 2010.

Die Autoren des Saarbrücker Manifests haben u.a. diese Forderungen:

  • Einen neuen deutschen Gründergeist mit mehr Risikobereitschaft, Beweglichkeit und Offenheit, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Gesellschaft, Kultur und Staat: „Sämtliche Einrichtungen müssen bei der Digitalisierung mit gutem Beispiel vorangehen und als Testbed für Startups zur Verfügung stehen“.

  • Den schnellen Ausbau der Netze, wobei man an Spitzenreitern wie Südkorea Maß nehmen müsse: „Gigabit-Netze müssen zum Standard werden“.

  • Europäische Leuchtturmprojekte: „Für einen echten Niveausprung zur Weltgeltung benötigt man ein europäisches Programm, ähnlich den Airbus- oder Cern-Projekten“.

  • Die „digitale Bildungsrepublik“ Deutschland: Das Bildungssystem muss die Menschen fit machen für lebenslanges, zeit- und ortsunabhängiges Lernen und flexible Formen digitaler Arbeit. Auch bei der Berufsausbildung besteht Nachholbedarf: „Es fehlt nicht nur an ITK-Fachkräften, sondern auch an Führungskräften mit exzellentem Knowhow, Charisma und Management-Exzellenz“.

  • Die Schaffung der politischen Rahmenbedingungen für die Digitalisierung: Der Staat muss als „Leitinvestor“ auftreten und massiv in den Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur investieren. Hilfreich wäre auch eine Bündelung der Kompetenzen in Internetministerien auf Bundes- und Länderebene.

Deutsche Politiker üben sich gern in Selbstgefälligkeit, wenn die digitale Agenda aufgerufen wird. Bundeskanzlerin Merkel gibt prestigeträchtig Robotern die Hand, Wirtschaftsminister Gabriel behauptet „Wir haben eine Menge geschafft“, Verkehrsminister Dobrindt hält Sonntagsreden über die leuchtende Zukunft der Digitalisierung in Deutschland, während der Ausbau der Netze immer noch stockt. Man darf vom zehnten Nationalen IT-Gipfel in Saarbrücken daher nicht zu viel erwarten, Brandbriefe und Manifeste werden daran nicht viel ändern. Der digitale Ruck wird vermutlich eine Vision bleiben: Die Claims im IT-Sektor sind weltweit längst abgesteckt, und nicht jedes kleine Startup aus Deutschland kann und muss gleich Weltmarktführer werden.